Die Zukunft des Webhostings: Ein Besuch im neuen Rechenzentrum von Host Europe

Kalte und warme Gänge bilden die Grundlage für eine optimale Kühlung der Serverschränke

Alles im Griff: Patrick Pulvermüller (CTO Host Europe GmbH)

So sehen drei Stapel USV-Batterien aus, die bei Stromausfall die wichtigen Minuten bis zum Anspringen des Dieselgenerators überbrücken.
Unter dem Motto "Ein Blick ins Rechenzentrum 2.0" lud die als Business-Provider bekannte Host Europe GmbH am vergangenen Donnerstag zu einem Pressetag in ihr neues Rechenzentrum am Standort Köln ein. Im Mittelpunkt: Ökologie und Ökonomie am Beispiel des neuen Rechenzentrums.
Neben dem Höhepunkt des Pressetags - einer Führung von Patrick Pulvermüller (CTO Host Europe GmbH) durch das neue Rechenzentrum - gab es einen initialen Vortrag von Uwe Braun (CEO Host Europe GmbH) zur Geschichte der Firma sowie einige Gastvorträge zu den Themen Virtualisierung, Server-Hardware und Zertifizierung von Rechenzentren.
1. Fakten zum Rechenzentrum
Bauzeit: 7 Monate
Fläche: 2.500 qm Rechenzentrum-Grundfläche (3 Serverräume) und 2.500 qm Bürofläche
Platz: bis zu 18.000 Server in der Endausbaustufe (6.000 bei Eröffnung)
Anbindung: multiredundanter, Carrier-neutraler 16-Gbit-Internet-Backbone
Ausfallsicherheit: Redundante Stromzuführung, n+1 USV, n+1 Klimatisierung, je ein Diesel-Notstromaggregat mit je 2.000 KVA Leistung pro Serverraum, Argon-Feuerbekämpfungsanlage mit Feuerfrühmeldesystem, Alarm- und Brandmeldezentrale, Personenzutrittskontrolle und Kameraüberwachung
2. Klimatisierung und Energie-Optimierung
Schaut man sich die Zahlen zum neuen Rechenzentrum einmal genauer an, fallen folgende energiebedarfoptimierte Merkmale ins Auge:
- Gebäude-Isolation nach EnEV 2007
- moderne Klimatechnik mit stufenlos regelbaren EC-Ventilatoren
- warme und kalte Gänge in den Serverräumen
- Klimatechnik der Serverräume versorgt Bürofläche mit Abwärme (Winter) bzw. Kühlung (Sommer)
- hoher Doppelboden mit durchdachter Luftführung
- Nutzung der Außentemperatur durch "freie Kühlung"
- USV-Systeme mit Delta-Wandler-Technologie
3. Server-Hardware
Neben den baulichen Neuerungen wird nach Angaben von Host Europe verstärkt darauf geachtet, modernste Prozessoren-Technologien in Verbindung mit Virtualisierung einzusetzen. Auf Serverseite kommen hier vor allem 1HE-Server der Firma Dell zum Einsatz, die in der EnergySmart-Version bei nahezu gleicher Leistung weniger stromhungrig sein sollen. Auch hier wurde vor allem an Kühlung und Stromzufuhr gedreht: In diesen Servern kommen Netzteile mit besserem Wirkungsgrad sowie Low-Voltage Prozessoren zum Einsatz. Hier scheint es jedoch weitere Optimierungsansätze zu geben. So fragt man sich bei einer geplanten Endausbaustufe von 18.000 Servern, ob es wirklich sinnvoll ist, jeden Server mit einem eigenen Netzteil auszustatten, anstatt auf Herstellerseite die relativ verlustbehaftete Umwandlung von Wechselstrom in den vom Mainboard des Servers benötigten Gleichstrom an zentraler Stelle zu optimieren.
4. Virtualisierung
Neben der Open-Source-Virtualisierungs-Lösung Xen kommt bei der Host Europe GmbH vor allem das kommerzielle Produkt "Virtuozzo" des Software-Herstellers SWSoft zum Einsatz. Die Virtualisierung ermöglicht hier zum einen Nischenprodukte, wie das zwischen dem Web-Paket und Rootserver angesiedelte VServer-Paket (ein virtueller eigener Root-Server), schafft aber auch völlig neue Möglichkeiten der Effizienzoptimierung. So können logisch getrennte Systeme durch konsequente Virtualisierung auf einem Bruchteil der vorher benötigten Hardware betrieben werden, ohne dass für den Anwender ein Unterschied zu merken ist.
Ökonomie vs. Okologie?
Was zunächst wie ein großes Feature-Wettrüsten eines auf Geschäftskunden ausgerichteten Webhosters aussieht, scheint nach näherer Betrachtung nur die Folge einer konsequenten Auseinandersetzung mit dem Thema "Webhosting-Zukunft" zu sein. Fakt ist, dass die Kosten für Strom in den Dimensionen eines Rechenzentrums - neben dem Schritthalten mit technischen Neuerungen - stets ein unkalkulierbares Risiko darstellen werden. Host Europe scheint hier für die nächsten Jahre seine Hausaufgaben gemacht zu haben und plant sogar im Jahr 2009 komplett auf einen Wasserstrom-Anbieter umzustellen - nach eigenen Angaben, weil die konstante Erzeugung dieser Stromart am Besten zum Betrieb eines Rechenzentrums passe.
Neben ökologischen Aspekten darf jedoch nicht vergessen werden, dass die initial höheren Investitionskosten für den modernen Aufbau des Rechenzentrums langfristig vor allem eines bringen: ökonomische Effizienz. Der beste Strom ist einfach immer noch der, den man nicht verbraucht.
Alles optimiert und was jetzt?
Am Ende des Tages bleibt bei mir ein etwas zwiespältiger Eindruck zurück. Ja: Host Europe hat ein prima Rechenzentrum gebaut, das neben qualitativen Merkmalen auch einer ökologischen und ökonomischen Betrachtung standhält. Die Geschäftsführer von Host Europe, Herr Braun und Herr Pulvermüller, hinterlassen einen richtig sympathischen, professionellen Eindruck und scheinen mit dem Rechenzentrum-Neubau zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen zu haben.
Auf der anderen Seite frage ich mich gerade aufgrund der enormen Ausmaße eines 18.000-Server-Rechenzentrums, ob man nicht noch etwas weiter ausholen sollte. Wir sprechen von Server-Konsolidierung, Energie-Effizienz und Nachhaltigkeit und am Ende stehen in einem Rechenzentrum wieder tausende Server, von denen die meisten als einzelnes System betrachtet werden (auch die Virtualsierten), immer noch nicht optimal ausgelastet sind und laut vor sich hindröhnen.
Eventuell sollten wir unseren Betrachtungswinkel noch ein Stück weiter öffnen: Meiner Meinung nach wird es dem Anwender in den kommenden Jahren immer gleichgültiger werden, auf welcher Hardware seine Website läuft. Primär interessieren mich als E-Business-Betreiber lediglich die Faktoren Rechenleistung, Speicherplatz und Sicherheit (Systemsicherheit und Ausfallsicherheit).
Eine Internet-Anwendung sollte einfach funktionieren und sich dynamisch ihrem Bedarf nach skalieren. Der Kunde bezahlt dann eine Grundpauschale plus verbrauchter Rechen- und Speicher-Leistung. Heute läuft sowas bereits unter dem Stichwort SaaS (Software as a Service), aber auch betriebssystembasierte Lösungen wie das von Amazon Webservices angebotene und auf Xen basierende EC2 (Elastic Compute Cloud) in Verbindung mit dem virtuellen Speicherprodukt S3 (Simple Storage Service) zeigen eine deutliche Richtung auf.
Hier liegen meiner Meinung nach die nächsten Potenziale in der Weiterentwicklung von Rechenzentren - gerade auch im Hinblick auf Auslastung und Verbrauchsoptimierung: Das Rechenzentrum der Zukunft wird Anbieter von serverübergreifenden Lösungsclustern.
